Zeit

Ich schreibe einen Brief an meine Grossmuter. Damit beginne ich am frühen Morgen damit ich ihn noch am Vormittag zur Post bringen kann. Ich schreibe gerne Briefe. Und es ist schön wenn man jemandem im Zeitalter der emails und sms’s noch einen Brief schreiben kann. Ich bin noch im Besitz von richtigem Briefpapier und es dauert eine Weile, bis ich mich für eine Sorte entscheiden kann. Fotos vom Enkelchen, also ihrem Ur-urenkelchen will ich auch noch reinlegen, also suche ich durch meine Fotodateien und drucke ihr einige nette Fotos aus.

Jetzt aber auch mal schnell eine Frühstückspause. Nur Butterbrote und Salat, und natürlich Kaffee.

Weiter geht’s, ich schreibe. Das dauert ein Weilchen, ich hab ja immer viel zu erzählen und der Brief soll auch in einer sauberen Handschrift geschrieben sein, darauf legt meine Grossmutter Wert und ich auch, den Ehrgeiz hab ich. Nach einem ersten Durchlesen werden Teile des Textes verworfen und nun muss der Brief noch einmal neu begonnen werden, da man ja nicht wie am Computer einfach die del Taste benutzen kann. Mittlerweile ist es Zeit für eine kurze Mittagspause und die Hunde müssten auch mal raus zum Gassi gehen.

Nun werde ich ein wenig panisch, es geht auf den Nachmittag zu und der Brief ist noch nicht fertig. Der geht ja dann wohl heute nicht mehr zur Post. Dann mach ich das eben morgen gleich als erstes. Aber fertig werden muss der Brief HEUTE. Nach reiflichem Nachdenken und einigen Umfomulierungen schaffe ich das auch, ich bringe den Brief ordentlich und leserlich zu Ende. Da unser Arbeitszimmer in den letzten Wochen einige Male umorganisiert wurde, finde ich nicht gleich mein kleines rotes Notizbuch mit der Adresse meiner Grossmutter. Nach langem Suchen, wobei ich einige andere, auch bereits vermisste Dinge finde, taucht auch das Notizbuch auf. Nun schnell die Adresse in Schönschrift auf den Umschlag, Fotos noch mal kurz anschauen (ist das Enkelchen nicht ein süsser kleiner goldiger Fratz??!!), Fotos in den Briefumschlag stecken, zukleben, Marken drauf, FERTIG !!! Es ist später Nachmittag, um genau zu sein, es ist 16:24 Uhr. Aber mein Brief ist fertig und ich bin erleichtert, das ich es geschafft habe.

Ich habe einen ganzen Tag damit verbracht, einen Brief zu schreiben. Genauso wie die Gräfin, an deren Geschichte Parkinsons erstes Gesetz bewiesen wird: Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht – und nicht in dem Maß, wie komplex sie tatsächlich ist. (Work expands [so as] to fill the time available for its completion.)

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